Dienstag, August 29, 2006

Höhenrausch inklusive Sturzflug

Meine gewissenhaft und akkurat zusammengestellte, dezente und doch auffallende Bewerbung war erfolgreich. Hurra! Werde zum Gespräch eingeladen. Die Aufregung ist gross. Euphorie, Stolz und ein kleinwenig Hochmut überfällt mich. Hab ich doch die 100 MitbewerberInnen in einer dicken, beissenden Staubwolke, gleich nach dem Start, hinter mir gelassen und befindet mich im Leaderfeld.

Die Vorbereitung. Die Kleiderfrage. Bei Frauen eine nicht zu unterschätzende Angelegenheit. Was ziehe ich an? Der Kleiderschrank quillt über, aber genau für diesen „Auftritt“ findet sich nichts passendes. Die „Verpackung“ soll gleichzeitig dezent und doch ausgefallen, weiblich und doch adrett, selbstbewusst und doch natürlich sein. Bloss nicht im 0815-Look aufkreuzen. Nach stundenlanger Beratung mit der besten Freundin, nach unendlichem Abwägen des „Für und Wieder“, analysieren der möglichen Interpretationen, steht das Outfit fest und die Vorbereitung ist vorerst Abgeschlossen.

Der Tag der Entscheidung. Von Nervosität befallen, wache ich bereits in den frühen Morgenstunden auf. Verbringe endlose Stunden im Bad und erste Selbstzweifel nagen an mir. Wurde die richtige Kleiderwahl getroffen? Ist der Job wirklich das Richtige für mich? Wirke ich zu aufgedonnert? Mein Gott – mir ist schlecht!

Der Termin. Viel zu früh treffe ich bei der besagten Firma ein und muss vor dem Gebäude die Zeit totschlagen, da es keinen guten Eindruck macht, wenn man bereits dreissig Minuten vor der vereinbarten Zeit aufkreuzt. Endlich ist es soweit. Die Nervosität hat den Siedpunkt erreicht, den ich will diesen Job wirklich. Nebenbei ist der Verstand und das Gen, dass zum artikulieren von ganzen, zusammenhängenden und klugen Sätzen benötigt wird, nach unten gerutscht, was man ansonsten nur bei Männern in erregtem Zustand kennt.

Das Gespräch. Man schleicht sich vorsichtig an das Objekt, in diesem Fall der neue Arbeitgeber, ran. Wie weit kann ich gehen, was wird erwartet, wie wirke ich auf mein Gegenüber. Der erste Teil gestaltet sich ungezwungen. Der (hoffentlich) zukünftige Arbeitgeber erklärt die Firma und den Aufgabenbereich. Dann kommt der schwierigere Teil (und das verflixte Gen ist immer noch nicht wieder aufgetaucht). Ich muss Fragen beantworten. Stärken/Schwächen (ich habe keine Schwächen!), weshalb ist man für diesen Job qualifiziert (Ich bin gut!), wo sieht man sich in fünf Jahren (als ob ich das wüsste).

Nach dieser anstrengenden und an den Nerven zerrenden Prozedur kommt das aller schlimmste. Das Warten. Als ob Frau dafür geschaffen wurde. In der Fantasie sehe ich mich bereits am neuen Arbeitsplatz, wie ich tolle Projekte bearbeite, die Arbeit Spass macht und ich verstehe mich mit den Arbeitskollegen blendend.

Der Tag der Entscheidung. Ich schaue alle fünf Minuten auf das Handy. Es klingelt, ich hebe ab und in genau dreissig Sekunden werde ich mit Lichtgeschwindigkeit auf den Boden der Tatsachen zurück geholt. Absage. Man hat sich für die jüngere Bewerberin entschieden. Der Entscheid sei ganz knapp ausgefallen. Man macht locker Konversation (wieso konnte man das beim Vorstellungsgespräch nicht?) und bedankt sich (wieso bedanken sich Frauen für einen negativen Bescheid?) und legt auf. Nach ein paar Minuten unter Schock (wie konnte MIR das bloss passieren) bahnen sich die Gefühle einen Weg an die Oberfläche. Am Boden zerstört, Trauer, Wut, Tränen, Selbstzweifel, Demütigung, Schmach.... Bin ich zu dumm? Kann ich überhaupt etwas? Gebe mich dem Selbstmitleid voll und ganz hin. Schokolade, Wein, Chips, sich im Bett verkriechen (leider alleine) - das volle Programm. Nach einem Tag hat das Trauern ein Ende. Ich rapple mich auf. Die sind selber schuld, wenn sie mich nicht wollen. Das werden sie noch bereuen. Auf zu neuen Taten! Welt, ich komme!

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